Tunnelblick: Bergzeitfahren einmal anders in der Bobbahn Winterberg

Zwei Tage nach dem 21km-Einzelzeitfahren in Kölkebeck stand bereits der nächste Wettkampf auf dem Plan – dieses mal ein ganz besonderes Highlight: Ein Bergzeitfahren in der Bobbahn in Winterberg. Davon erfahren hatte ich durch eine Ankündigung in der TOUR und war von Anfang an fasziniert von der Idee, ein Rennen dort zu veranstalten, wo im Winter die Bobs und Rodelschlitten mit weit über 100km/h den Eiskanal herunter donnern. 1300m, 15 Steilkurven, 110 Höhenmeter. Das Eis war zwar mittlerweile abgetaut, obwohl die Temperaturen durchaus eher an Wintersport erinnerten. Aber dazu später mehr. Jedenfalls war ich als Spätmelder doch einigermaßen überrascht, dass das Event nicht sofort ausverkauft war und ich problemlos noch einen Startplatz bekam.

Für faire 10 Euro Startgeld war der Tag zweigeteilt: Zunächst sollte auf einem Ergometer die durchschnittliche Leistung auf einer flachen 1500m-Strecke ermittelt werden, die dann mittels Fahrer- und Materialgewicht hochgerechnet wurde, um die Startreihenfolge in der Bobbahn zu bestimmen. Hintergrund: Die Bahn ist auf den Geraden nur 70cm breit, so dass ein Überholen nicht möglich ist. Die Startabstände wurden darüber hinaus mit 90 Sekunden einigermaßen großzügig kalkuliert. Danach sollte es dann die Bobbahn hinauf gehen.

Trotz intensiven Rührens der Werbetrommel, konnte ich keine Mitfahrer finden (zu kalt, zu steil,zu weit, zu schwach, zu anstrengend, zu nah am nächsten Wettkampf etc.) – schade, aber selbst schuld, kann ich nur sagen. Das Event war nämlich ein echter Knaller!

Früh morgens machte ich mich dann also auf den Weg ins Sauerland. Leider begann es bei meiner Ankunft in Winterberg zu regnen und die Temperaturen waren alles andere als typisch für Juli: 11°C zeigte das Thermometer und sollte auch im Verlauf des Tages nicht mehr klettern. Die Wettkampfbesprechung wurde daher kurzerhand auch einfach in das Starthaus verlegt (statt wie geplant draußen davor). Von etwa 70 vorangemeldeten waren ohnehin nur 55 gekommen.

Dann begann der Leistungstest. Bis zu vier Fahrer fuhren mit- bzw. gegeneinander auf Ergometern eine 1500m lange Strecke, eingepeitscht durch ein paar Helfer eines Fitnessstudios. Ziel war es, die maximale Leistung aus sich herauszuholen, weil nur dann eine realistische Hochrechnung möglich sein sollte. Insofern war dieser Leistungstest schon wichtiger Bestandteil des Gesamtevents – ein erstes Verausgaben bis an die K***-Grenze quasi inklusive.

Dummerweise vergaß ich, rechtzeitig die Pedalriemen festzuschnüren – mit einer solchen „80er-Technik“ war ich etwas überfordert bzw. überrascht, als der Startschuss fiel. Natürlich bemerkte ich diesen Fauxpas bereits nach der ersten Kurbelumdrehung und überlegte, ob ich anhalten und die Riemen festzurren oder einfach mit Vollgas weitertreten sollte. Ich entschied mich für letzteres. Die ersten 500m waren o.k., bereits dann wurde es deutlich schwerer. Irgendwann erreichte ich aber auch die 1000m-Marke und hoffte nur, dass die letzten 500m auch bald vorbeigingen. Nicht gerade meine Disziplin so ein Kraftsprint. Der nette Antreiber gab aber sein bestes, so dass auch ich nach knapp zwei Minuten meine Distanz abgearbeitet hatte. Heraus kam eine durchschnittliche Leistung von 379 Watt, was im Vergleich zu vielen anderen doch relativ wenig war.

Dann war wieder Warten im Starthaus angesagt. Die Ergometer-Daten wurden ausgewertet und die Startreihenfolge bestimmt. Etwas überraschen für mich war, dass ich mit meiner Wattzahl dann doch erst im zweiten Teil an den Start geschickt wurde, aber mein geringes Systemgewicht von nur 75kg spielte mir in die Karten: Die relative Leistung betrug damit nämlich 5,03 W/kg, was zumindest unter den Teilnehmern in Winterberg ein guter Durchschnittswert war.

Nun hatten wir die Möglichkeit, einmalig eine Runde in der Bahn zur Probe zu drehen. Immerhin hatte es mittlerweile aufgehört zu regnen und man konnte sich alles in Ruhe anschauen. Was man im Fernsehen nicht sieht: Es gibt doch deutliche Unterschiede im Gefälle (bzw. der Steigung). An zwei Stellen ist die Bahn komplett flach, es kam mir geradezu so vor, als würde es bergab gehen. Dafür gibt es dann natürlich auch ein paar Rampen, die sich einem dann ganz ordentlich in den Weg stellen. Insbesondere die letzte 200m zum Ziel gehörten z.B. in diese Kategorie – klar, denn hier ist eigentlich ja der Start und die Schlitten müssen am Anfang auf Tour gebracht werden.

Mein Start war dann um 14:48 Uhr. Fast etwas peinlich war es mir ja, als einziger Teilnehmer mit einem Zeitfahrrad am Start zu stehen. Immerhin hatten noch zwei andere zumindest einen Triathlonlenker. Aber erstens ist das halt mein Hauptrad, auf dem ich zudem äußerst bequem sitze und zweitens nutze ich mein klassisches Rennrad als reines Winterrad (ergo: Schutzbleche), das abgesehen davon ohnehin auch noch schwerer ist als mein Tria-Renner. Allerdings musste ich mir darob gar nicht so viele schlaue Sprüche gefallen lassen wie erwartet. 😉

Dann ging es endlich los. Ich hatte zwar vor, nicht gleich am Anfang zu überzocken, aber auf der Bahn war das natürlich sofort vergessen: Erstmal richtig reintreten, um ein bisschen auf Tempo zu kommen. Die ersten Rampen und Kurven waren auch noch kein Problem. Aber bereits zur Hälfte merkte ich, dass es langsam dünner wurde und der Weg zum Ziel doch noch ganz schon weit war. Ich freute mich auf die zwei flachen Stücke, um ein wenig zu erholen. Zwischendurch standen auch immer mal wieder ein paar einzelne Zuschauer, die einen schön anfeuerten.

Die letzte gut zu fahrende Passage war der Veltins-Kreisel. Das Ziel vor Augen machte ich hier dann aber den Fehler, nochmal hochzuschalten, um Schwung für die letzte Rampe zu nehmen. Dummerweise war dieser Gang dann aber doch etwas zu dick, ich war kurz vor’m Verrecken auf den letzten 50m.  Aber unter Volllast schalten und zudem umgreifen zu den Schalthebeln wollte ich nun auch nicht. Also wuchtete ich den dicken Gang mit einer Trittfrequenz von letztlich deutlich unter 50 bis zur Ziellinie – und kippte dann fast vom Rad. Meine Oberschenkel und meine Lunge waren kurz vor’m platzen. Bis ich wieder in der Lage war zu sprechen, verging eine Weile. Der berühmte Tunnelblick bekommt in einer solchen Röhre übrigens mal eine ganz plastische Dimension.

4’27“ war meine offizielle Zeit. Diese reichte immerhin zu Platz 18, was ich im Vorfeld definitiv nicht erwartet hatte. Aber letztlich ging es mir hier ja weder um Platz noch um Zeit, sondern es stand eindeutig der Spaß und das Erlebnis im Vordergrund. Und beides wurde zu 100% erfüllt. Ein wirklich großartiges Event! Vielen Dank an die Veranstalter vom SC Siedlinghausen – ich hoffe, wir sehen uns wieder in 2012, dann auch mit mehr Teilnehmern (vor allem auch den Spaßbremsen aus OWL) und besserem Wetter. 🙂

Um dann aber doch nicht nur für kurze 1,3km ins Sauerland gefahren zu sein, drehte ich im Anschluss noch eine schöne 58km-Runde mit 800 Höhenmetern. Das sollte dann aber auch reichen.

5 Antworten auf „Tunnelblick: Bergzeitfahren einmal anders in der Bobbahn Winterberg“

  1. HI Lajos,

    das sind die Einheiten, die du brauchst ;-)) 4min Vollgas Pause u. das 10 mal. 5W/kg ist ja fast ein Profi Wert :

    Leistungsniveau Erforderliche gewichts-
    bezogene Leistung(Ref.-Zeit: 1/2 Std.)
    Hobbyfahrer 2,5–3,5 W/kg
    C-Klasse-Fahrer 3,5–4,5 W/kg
    guter Amateur-Fahrer 4,5–6 W/kg
    Weltklasse-Profi 6–7 W/kg

    …wenn du die Leistung 30 Minuten treten kannst ;-))

    Platz 18 in so einem Startfeld ist echt ne super Leistung!

    Ich war an dem Wochenende mit meinen Kids auf dem Weserradweg, hat auch Spaß gemacht…

  2. So, Trainer, ich mach‘ ja, was man mir sagt – gestern also 10x den Jagdweg hoch und via Hillegossen Freibad zurück, pro Runde 65Hm auf 1000m, also durchschnittlich 6,5% Steigung. Im Schnitt hab dafür ich 3:21 gebraucht.
    Nach der Formel bei http://www.2peak.de/tools/map.php ergeben sich damit durchschnittlich 279 Watt oder 4,29 W/kg (schnellste Runde 301/4,6, langsamste 268/4,1).
    Übrigens, ganz interessant: Nach dieser Formel war ich in Winterberg in der Bobbahn 100% kompatibel zum Leistungstest: 330W bzw. 5,05 W/kg.

    – So, und was soll ich jetzt in den letzten drei Wochen bis Regensburg noch wie am besten machen?

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